Unter Verdacht
Portrait von Andreas Holm im großen Hörsaal der Humboldt Universität Berlin.
Bis heute hat er keine Ahnung, wo genau die Kameras angebracht waren, die seinen Hauseingang filmten. Vielleicht in einer der gegenüberliegenden Wohnungen oder in einem Auto. (Dies ist ein fremder Hauseingang, seinen eigenen möchte er lieber nicht fotografieren lassen).
Sobald er auf dem Weg zur Arbeit etwas wegwirft, wird es aufgesammelt. Zigarettenstummel, um DNA-Tests durchzuführen, alte Kassenzettel um zu überprüfen, was er einkauft.
Als er seine Haltestelle verpasst, geben seine Beschatter sich ungewollt zu erkennen. "Schon beim Humboldthain", sagt einer aufgeregt in sein Handy und folgt ihm beim Aussteigen.
Die verdeckten Ermittler (es müssen zwei Punks am Nachbartisch gewesen sein), die sein Gespräch im Café Oberholz belauschten, waren offenbar Anfänger. Die Aufnahmen sind verrauscht, obwohl das Gerät laut Akten nur 40 Zentimeter von Holm entfernt war.
Unter Verdacht
Text: Paula Scheidt | Fotos: Milos Djuric
Im Kampf gegen den Terrorismus geraten anerkannte Wissenschaftler ins Visier von Geheimdiensten. Wie der Berliner Stadtforscher Andrej Holm irrtümlicherweise zum Staatsfeind wurde.
Am 31. Juli 2007, einem Dienstag, übernehmen andere die Regie im Leben von Andrej Holm.
Morgens, kurz vor sieben. Holm liegt mit seiner Freundin und der zweijährigen Tochter im Bett. Der Sohn hat am Vortag den fünften Geburtstag gefeiert. Plötzlich klopft es energisch an der Wohnungstür, dann Tritte. Eine Männerstimme brüllt: „Aufmachen, aufmachen, Polizei!“ Holm schafft es gerade noch, sich eine Hose überzuziehen. Die Stimme zählt: „Drei…zwei…eins…“ Da ist Holm an der Tür und öffnet. Zehn schwarz gekleidete Männer stürmen in die Wohnung, in schusssicheren Westen, die Waffen gezogen. „Auf den Boden, auf den Boden“, ruft einer. Holm wird zu Boden geworfen und spürt ein Knie im Nacken. Seine Arme werden am Rücken fixiert. Er hört, wie die Männer durch die Wohnung laufen und rufen: „Raum 1 gesichert, Raum 2 gesichert.“ Er wird aufgefordert, sich aufzusetzen, die Arme bleiben gefesselt. Zwei Polizisten bewachen seine Freundin und die Kinder beim Frühstück, treiben sie zur Eile an. Holm spürt das Adrenalin. Versteht nichts. Traut seinen Ohren nicht, als ein Polizist ihm vorliest: „Ich verhafte Sie wegen Verdachts auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung.“
Könnte Holm über sein Leben noch selbst bestimmen, würde er jetzt mit der U-Bahn zur Humboldt Universität in Berlin Mitte fahren wie jeden Morgen. Dort arbeitet er als promovierter Sozialwissenschaftler mit Schwerpunkt Stadtentwicklung. Er forscht zu Wohnungspolitik und Stadterneuerung, publiziert wissenschaftliche Artikel, hält Seminare für Studierende. Holm ist heute 41 Jahre alt, Vater von zwei Kindern, ein nachdenklicher, zurückhaltender Mensch. Seinem beruflichen Interesse geht er auch in der Freizeit nach: Er engagiert er sich in Stadtteilinitiativen und Mieterorganisationen. Er demonstriert gegen die Privatisierung von Wohnungen, gegen steigende Mieten und macht keinen Hehl aus seiner politischen Gesinnung: „Ich bin ganz eindeutig ein linker Aktivist.“ Aber Nähe zum Terrorismus? „Das ist nicht meine Aktionsform.“
Die Beamten des Berliner Sondereinsatzkommandos stellen Holm an diesem Morgen keine Fragen. Er wird im Polizeiwagen zum Landeskriminalamt Berlin gebracht. Seine Daten werden aufgenommen, er wird in eine Zelle gesperrt. Seit ein paar Stunden hat er eine Anwältin, eine Bekannte, die Holms Freundin nach der Verhaftung angerufen hat. Sie besucht ihn mit ersten Informationen: Drei weitere Personen sind verhaftet worden. Holm hat die Namen noch nie gehört. Bei Freunden von ihm hat die Polizei angeblich die Wohnung durchsucht. Und: In der Nacht vor seiner Verhaftung gab es Brandanschläge in der Nähe von Berlin. Puzzlesteine, die für Holm kein Bild ergeben. Nachts schläft er kaum. Am nächsten Tag wird er im Hubschrauber nach Karlsruhe zum Bundesgerichtshof geflogen.
Dort wird er in die nächste Zelle gebracht. Seine Anwältin besucht ihn wieder, jetzt hat sie den Vorführbericht, die Grundlage für den Haftbefehl. Holm versteht zum ersten Mal, warum er hier ist: Seit ein paar Jahren verübt eine linksextremistische Gruppierung in Berlin und Umgebung Brandanschläge auf Gerichte, Autohäuser, Polizeifahrzeuge, Arbeitsämter. Sie hinterlässt Bekennerschreiben, gezeichnet mit „militante gruppe“, kurz mg. Es sind politische Pamphlete gespickt mit Schlagwörtern, die auch in wissenschaftlichen Artikeln von Holm auftauchen. Wörter wie Gentrifizierung, Prekarisierung, marxistisch-leninistisch. Holm und drei andere Personen werden verdächtigt, der intellektuelle Kopf der linksextremistischen „militanten gruppe“ zu sein.
Heute, vier Jahre nach der Verhaftung, besitzt Holm 30 prall gefüllte Ordnern über sein Leben. Ordner für Ordner hat die Bundesanwaltschaft die Dokumente auf Anfrage hin herausgerückt. Es dürfte ein Bruchteil der ganzen Sammlung sein. „Das ist wie ein fremd geschriebenes Tagebuch“, sagt Holm. Er kann nachlesen, dass ein Ausgangspunkt für die Ermittlungen gegen ihn eine Internetrecherche war. Die Beamten beim Bundeskriminalamt, Abteilung Linksextremismus, versuchen seit 2001 die Mitglieder der „militanten gruppe“ ausfindig machen. In den Veröffentlichungen von Holm und seinen Kollegen, die teilweise auch online stehen, finden sie die gleichen Begriffe wie in den Anschlagpapieren. Holm hat viele Kontakte in der linken Szene und organisiert die Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm mit. Dass reicht aus, um den Ermittlungsrichter zu überzeugen.
Ab September 2006 wird Holm ohne es merken fast ein Jahr lang überwacht. Sein Handy und sein Festnetz werden abgehört. Alle drei Monate muss der Ermittlungsrichter die Überwachung verlängern. Mit der Begründung, es gäbe keine Erfolge, wird die Überwachung ausgeweitet, auf das Telefon in Holms Büro, auf das Handy seiner Freundin, das Telefon seiner Eltern. Auf Holms Computer. Seine Emails werden gelesen. Die Internetseiten, die er aufruft, werden dokumentiert. Kameras filmen seine Haustür. Verdeckte Ermittler beschatten ihn in Kneipen, bei Versammlungen. An seinem Auto wird ein Peilsender angebracht. Unsichtbare SMS treffen im Halbstundentakt auf seinem Handy ein und erstellen ein Bewegungsprofil. Eingriffe in den Kernbereich seiner Privatsphäre.
Die Fahnder warten auf einen Erfolg. Dann beobachten sie, wie Holm sich mit einer unbekannten Person trifft. Die Person wird daraufhin beschattet und zündet Monate später mit Komplizen mehrere Militärfahrzeuge an. Für die Ermittler liegt auf der Hand: eine Aktion der „militanten gruppe“, Holm ist der Rädelsführer, er hat den Brandstifter beauftragt. Am nächsten Morgen stürmt das Sondereinsatzkommando seine Wohnung.
Von Karlsruhe, wo Holm dem Ermittlungsrichter vorgeführt worden ist, wird er nach Berlin gebracht, in Untersuchungshaft. Nach Hause darf er nicht. Zahnbürste und Bücher bringt ihm seine Freundin vorbei. „Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich dort bleiben würde“, sagt Holm. Bis zu einem halben Jahr kann die Untersuchungshaft dauern. „Man denkt von einem Tag auf den anderen.“ Für Holm gelten Sonderhaftbedingungen: Einzelhaft, 23 Stunden eingeschlossen, eine Stunde Hofgang. Er studiert seine Ermittlungsakten, hört Radio, liest Zeitung. Er verfolgt, wie sich ausserhalb der Gefängnismauern ein Proteststurm gegen seine Verhaftung und die seiner Kollegen zusammenbraut. Beim Ermittlungsrichter gehen tausende von Briefe ein. 43 Professoren weltweit unterzeichnen einen offenen Brief an die Bundesgeneralanwaltschaft. Die renommierten US-amerikanischen Soziologen Richard Sennet und Saskia Sassen kritisieren die Verhaftungen öffentlich. Holm ahnt nicht, dass seine Freilassung erst ein neues Kapitel in dem Krimi einläutet, dessen unfreiwilliger Hauptdarsteller er ist.
Holm und seine Kollegen sind nicht die einzigen Wissenschaftler in Europa, die sich durch ihre Forschung des Terrorismus verdächtig machen.
An der englischen Universität Nottingham werden ein knappes Jahr später, am 14. Mai 2008, der Doktorand Rizwaan Sabir und der wissenschaftliche Mitarbeiter Hicham Yezza als potentielle islamistische Terroristen verhaftet. Wie es dazu kommt: Sabir vergleicht in seiner Dissertation die militärischen Taktiken der Al-Qaida im Irak und der Hamas in Palästina. Bei der Quellenrecherche entdeckt er auf der Website des US-amerikanischen Justizministeriums ein Dokument mit dem Titel „Das Al-Qaida Handbuch“. Er läd es auf seinen Computer und schickt es per Email an seinen Freund Yezza, der ihn bei der Doktorarbeit berät. Ein anderer Mitarbeiter, der auch Zugang zu dem Computer hat, findet das Handbuch. Er ruft die Polizei. Sabir und Yezza werden wegen Terrorverdachts verhaftet. Sieben Tage lang werden die beiden verhört. Aber die Polizei findet keine Beweise und muss sie wieder freilassen.
Für Yezza fangen die Probleme jetzt erst an. Obwohl er seit 13 Jahren in England lebt, wird ihm nun vorgeworfen, die Einwanderungsbestimmungen verletzt zu haben. Die Polizei versucht, ihn nach Algerien abzuschieben. Über sechs Monate lang wird er von einem englischen Gefängnis ins nächste gebracht. Erst im Sommer 2011 wird seine Arbeitsgenehmigung verlängert. Sein Freund Sabir findet im Nachhinein heraus: Er hätte das Buch, dass ihnen den Ärger eingebrockt hat, problemlos legal in der Buchhandlung bestellen können. Es handelt nicht einmal von Al-Qaida, sondern ist das Handbuch einer ägyptischen Bruderschaft aus den 1940er Jahren. Es war das FBI, das dem Buch den Namen „Al-Qaida Handbuch“ gegeben hat. Wie kann es sein, dass Wissenschaftler verhaftet werden, nur weil sie öffentlich zugängliche Literatur zu ihrem Forschungsthema lesen? Ist hier die akademische Freiheit noch gewährleistet? Der Dozent Rod Thornton kritisiert in einem Artikel die Universitätsleitung von Nottingham, sie hätte die beiden besser gegen Vorwürfe schützen müssen. Daraufhin wird Thornton im Mai dieses Jahres entlassen. Seitdem unterrichtet an der Universität Nottingham niemand mehr das Fach Terrorismus.
In Frankreich sitzt Adlène Hicheur seit über zwei Jahren im Gefängnis. Der französisch-algerische Physiker beginnt 2006 als Assistenzprofessor in Lausanne und gleichzeitig als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Genf am Forschungsinstitut CERN zu arbeiten, dem weltgrössten Forschungszentrum auf dem Gebiet der Teilchenphysik. In seiner Freizeit surft er auf islamischen Webseiten, er interessiert sich für Religion, Philosophie und Politik. Auf islamischen Foren wird der französische Geheimdienst auf ihn aufmerksam. Hicheur wird auf den Verdacht hin verhaftet, er sei ein islamistischer Terrorist und plane atomare Anschläge. 96 Stunden lang wird er in der Zentrale des französischen Geheimdienstes festgehalten und ohne Anwalt verhört. Er kommt in Einzelhaft. Hicheurs ehemaliger Doktorvater Jean-Pierre Lees ist von dessen Unschuld überzeugt. „Nukleare Anschläge auf französischem Boden zu befürchten ist komplett lächerlich. Das ist eine Erfindung der Boulevardpresse und schlichtweg unmöglich. Adlène hat nicht einmal das notwendige Wissen dafür. Er war auf elektronische Datenverarbeitung spezialisiert. Im CERN lassen wir Partikel in einem Beschleuniger zusammenstossen, das hat nichts mit nuklearen Bomben zu tun. Diese Anschuldigung ist total absurd“, sagte er dem Sender Arte. Lees gründet 2010 ein Unterstützerkomitee, das die Freilassung von Hicheur fordert, bisher erfolglos. Wie lange Hicheur noch im Gefängnis bleiben muss, ist offen.
Der Berliner Stadtforscher Holm hat in dieser Hinsicht mehr Glück. Er darf das Gefängnis nach drei Wochen Untersuchungshaft verlassen. Aber das Verfahren läuft weiter. Und Holm kennt die Akten. Er weiss jetzt, dass er überwacht wird. Die Ermittler geben sich keine Mühe mehr, es zu verheimlichen. Beim Telefonieren gibt es Fehlschaltungen: Jemand wählt Holms Nummer, ruft aber bei seiner Freundin an. Der naheliegende Grund: Beide Telefone werden umgeleitet, dabei passieren Fehler. Manchmal erkennt Holm seine Beschatter. Einmal in der U-Bahn sagt jemand im Nachbarabteil in sein Handy: „Schon bei Humboldthain!“ Da erst merkt Holm, dass er seine Haltestelle verpasst hat. Der Mann am Telefon meint ihn, er ist ein verdeckter Ermittler. Holm gerät in Panik, er könnte gegen Haftauflagen verstossen. Er ruft einen Freund an und erzählt ihm (und den Ermittlern, die sein Telefon abhören), dass er aus Versehen eine Station zu weit gefahren ist.
Holm entwickelt paranoide Verhaltensweisen. Er nimmt jetzt immer sein Handy mit. Aus den Akten weiss er: Es zu Hause zu lassen, macht ihn verdächtig. Ebenso nennt er am Telefon bei Verabredungen nun immer Zeit, Anlass und Ort des Treffens. Statt „Morgen wie immer in der Kneipe?“ fragt er: „Treffen wir uns morgen um acht zum Fussball gucken im Café Schliemann?“
Im Januar 2008 soll Holm eine DNA-Probe abgeben. Sie wird mit Spuren auf den Bekennerschreiben verglichen. Keine Übereinstimmungen. Am 5. Juli 2010 wird das Verfahren gegen Holm ohne Prozess eingestellt. Damit endet die Überwachung.
Heute, ein gutes Jahr später, wird Holm bei internationalen Konferenzen nicht mehr auf seine Zeit als Terrorverdächtiger angesprochen, sondern wieder auf fachliche Themen. Beruflich haben ihm die Anschuldigungen nicht geschadet. Sie haben ihm sogar zu einer gewissen Popularität verholfen. Aber sein Leben haben sie radikal verändert. „Ich habe gelernt, was es heisst, sich vollkommen ausgeliefert zu fühlen. Hilflos. Ohne Einfluss auf die Interpretation des eigenen Lebens“, sagt er. Eine Spur von Misstrauen bleibt. Manchmal, wenn er sich mit einem Bekannten in einer Bar verabredet, fragt er sich: Was würde ein Ermittler jetzt davon halten?

