Ungeliebte Staatsdiener
Ungeliebte Staatsdiener
Text: Paula Scheidt | Fotos: Milos Djuric
In wenigen Tagen fliegen wieder Soldaten der Bundeswehr nach Afghanistan.
Es ist eine schwierige Mission: Mehr als die Hälfte der Deutschen lehnen den Einsatz ab
Patrick schaut den Menschen erst ins Gesicht, wenn sie ihn ansprechen. Mit gekrümmtem Rücken sitzt er auf einer Bierbank in der so genannten Olympia-Stube, einem Aufenthaltsraum in der Truppenunterkunft Planken. Ein Wasserkocher steht in der Ecke, Teebeutel und Instant-Kaffee liegen daneben, der Fernseher läuft. Er ist heute um halb sechs aufgestanden, nun ist es nach 21 Uhr. Noch immer trägt er die Uniform, an seinen Stiefeln kleben Erdklumpen. Vielleicht ist er einfach nur erschöpft, vielleicht hat er keine Lust über das zu reden, was in den nächsten Monaten auf ihn zukommt. Vielleicht hat er auch einfach schon zu viel Ablehnung erfahren. Er hat sein Testament gemacht, eine Lebensversicherung abgeschlossen, in wenigen Tagen wird er nach Afghanistan fliegen. Dort soll er als Soldat der Eliteeinheit „Quick Reaktion Force“ gegen aufständische Taliban kämpfen. Die Männer der Quick Reaktion Force werden immer dann eingesetzt, wenn es besonders gefährlich ist: Wenn selbst gebastelte Sprengsätze entdeckt werden, wenn öffentliche Veranstaltungen geschützt werden müssen, wenn Selbstmordattentate drohen. Und auch wenn es darum geht, gezielt gegen Aufständische zu kämpfen. Es ist ein Kampf, den er auch verlieren kann. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute kann es passieren, eine Bombe eines Selbstmordattentäters, ein Schusswechsel bei der Morgenpatrouille, ein Überfall bei einer Überlandfahrt. Der Tod ist in Afghanistan allgegenwärtig. Und doch gibt es junge Männer und Frauen wie Patrick. Die für diesen Kampf ihr Leben riskieren. Was treibt einen 20-Jährigen dazu?
Patrick selber sagt dazu nicht so viel, außer: „Ich freue mich auf den Einsatz, auch wenn das für andere wahnsinnig klingen mag.“ Dann verstummt er wieder. Starrt die Wand an, als wolle er sie durchbohren. Das Reden überlässt er Christian. So selbstverständlich wie Christian Fragen für Patrick mitbeantwortet, könnte man meinen, er sei sein älterer Bruder. Und man versteht, was Loyalität und Gemeinschaftsgefühl bei der Bundeswehr bedeuten. Der 26-jährige ist mit fünf Jahren schon doppelt so lange wie Patrick bei der Bundeswehr. Zwischen den Sätzen presst er die Lippen zusammen, so als könne er die Gedanken an den nahenden Abflug auch wegschieben. Wegpressen möchte er Gedanken wie die, dass es für einen solchen Aufenthalt keine optimale Vorbereitung gibt: „Wenn du ein Jahr lang für einen Marathon trainierst, bist du dann bereit, wenn es soweit ist?“ Christian und Patrick kennen sich seit zwei Monaten – etwa so lange wissen sie von ihrem Einsatz in Afghanistan.
Eine kleine Schwäche ist dafür verantwortlich, dass Patrick Soldat geworden ist. Vor zwei Jahren, während des Abiturs, sah er für seine Zukunft nur zwei Alternativen: Bundesgrenzschutz oder Bundeswehr. Er ging zur Bundeswehr, denn beim Bundesgrenzschutz wollten sie ihn nicht wegen seiner Rot-Grün-Schwäche. Seine einzige körperliche Schwäche, und eine der wenigen, die bei den Gebirgsjägern toleriert wird. Wer zu dieser Elitetruppe möchte, muss bei der Musterung mit A bewertet werden. Dafür erwartet ihn eine Art Pfadfinderlager für Große: Klettern, Skifahren, Zelten in schwierigem Gelände und unter extremen Wetterbedingungen.
Im Gegensatz zu Patrick sucht Christian kein Abenteuer. Für ihn ist die Bundeswehr ein Beruf wie jeder andere und außerdem Familientradition, schon sein Opa arbeitete bei der Marine. Vor vier Jahren war Christian bereits im Kosovo. „Vieles wird ähnlich werden, zum Beispiel die Patrouillen durch die Ortschaften“, vermutet er. Auch wenn Afghanistan natürlich gefährlicher ist, aber da stumpfe man ab. Er sagt das, als handele es sich um eine Berufskrankheit. Völlig anders werden dieses Mal aber seine Gedanken an zu Hause werden. Als er im Kosovo war, hat seine Mutter allen Papierkram für ihn erledigt. Der Bruder hütete die Wohnung. Nichts in Deutschland hielt ihn. Das hat sich grundlegend geändert: Inzwischen ist Christian Vater eines einjährigen Sohnes. Auch ihn wird er vier Monate nicht sehen können.
Patrick und Christian gehören zu den Gebirgsjägern des Bataillons 231 und damit zu den Soldaten, mit denen die Bundesregierung das Kontingent in Afghanistan in den nächsten Monaten aufstocken will. Die Gebirgsjäger sind eigentlich im bayrischen Bad Reichenhall stationiert. Seit einer Woche bereiten sie sich nun in der Altmark auf den Einsatz vor, intensives Training von morgens bis abends.
Eine Situation, die am nächsten Morgen geübt werden soll. Der Wind fegt über die matschige, von Panzergleisketten zerfurchte Wiese, kleinwüchsige Buchen biegen sich unter den Sturmböen. Am Himmel hängen dicke, graue Wolken. „Solche Einsätze sind genau mein Ding“, sagt Patrick mit leuchtenden Augen. Dieser Kommandoscheiß, wie er es nennt, reizt ihn. Von Anfang an wollte er nach Afghanistan, seit Monaten fiebert er dem Einsatz entgegen. Fast wäre er vor einem Jahr in dem Kosovo geschickt worden. Zu seinem Glück ist es jetzt Afghanistan geworden, da gefällt ihm der Auftrag viel besser, nicht nur „Brücken reparieren und Schulen bauen“, wie er sagt.
Aus einem Birkenwäldchen hallen Schüsse in Richtung des Holzzauns, der das kleine Dorf umgibt. Es besteht aus einer einzigen Baracke, einem Bretterverschlag und ein paar Autowracks. Innerhalb der Absperrungen kauern Soldaten auf dem Boden. Einer horcht am Funkgerät, dessen Signal kaum gegen die Windböen ankommt. Ein anderer springt gebückt nach vorne, verlässt für eine Sekunde die Deckung und erwidert das Feuer, dann kriecht er zurück hinter die schützende Wand. Zwei verwundete Soldaten liegen bereits in der Holzbaracke auf dem Sofa. Um das Bein des einen ist ein blutdurchtränkter Verband gewickelt.
Es gibt eine zweite Front, an der Patrick und Christian kämpfen. Sie verläuft zwischen den Truppenübungsplätzen der Bundeswehr und der Bevölkerung in Deutschland. Auch dieser Kampf kostet Kraft. Und auch er schlägt Wunden, die weh tun. „Mörder“ rief jemand, als Christian einmal in München in den Zug stieg. Er wusste sofort, dass er gemeint war. Es war nicht das erste Mal, dass ein Fremder ihn beschimpfte. Trotzdem fühlte sich Christian für einen Moment wie gelähmt. Er spürte noch einen leichten Schlag auf der Schulter, aber als er sich umdrehen wollte, war die Wagentür schon hinter ihm zugefallen und der Zug fuhr an. „Mit so etwas muss man irgendwie umgehen“, sagt er, aber sein Stirnrunzeln zeigt, dass es ihm nicht leicht fällt. Er findet es schade, dass der Respekt vor Soldaten in der Bevölkerung noch nicht so hoch sei. Aus dem „noch“ spricht Hoffnung.
Auch Patrick wird regelmäßig angepöbelt. Wie Christian vor allem dann, wenn er in Uniform auf den Zug nach Hause fährt. Wenn er Jungs mit längeren Haaren sieht oder alternativ angezogene Mädchen stellt er schon vorsorglich auf Durchzug. „Aber das trifft bei mir gar nichts, das habe ich nach dreißig Sekunden wieder vergessen“, sagt er. Das seien Leute, denen sei langweilig oder sonst was. Aber auch vor seiner Familie muss sich Christian rechtfertigen. Als seine Eltern erfuhren, dass er sich verpflichten lassen würde, waren sie gar nicht begeistert. Inzwischen haben sie sich daran gewöhnt, stolz sind sie nicht. Viele seiner Bekannten können bis heute nicht nachvollziehen, warum er Soldat geworden ist. Einige haben versucht, ihn davon abzubringen. Die Bundeswehr hat Patrick sogar Freundschaften gekostet. „Aber da lass ich mir von niemanden reinreden“, sagt Patrick wie ein Kind, das Angst hat, ihm könnten die Holzklötze weggenommen werden.
Seit Jahren lehnt mehr als die Hälfte der Bevölkerung den Einsatz in Afghanistan in allen unabhängigen Umfragen ab. Die genaue Zahl hängt von der Formulierung der Frage ab – und davon, wie viele Afghanen durch Angriffe der Bundeswehr ums Leben kommen. Anders ist es, wenn deutsche Solddaten sterben. „Opfer auf Seiten der Bundeswehr haben keinen Einfluss auf die öffentliche Meinung“, sagt Markus Kaim von der Stiftung Wissenschaft und Politik.
Drei Panzer und ein Transportlaster rumpeln dicht hintereinander auf den Dorfplatz. Die Hintertür des Transportlasters öffnet sich, drei Sanitäter springen heraus. Sie laufen in die Holzbaracke, hieven die beiden verwundeten Soldaten auf eine Bahre und tragen sie vorsichtig zurück in den Wagen. „Das war jetzt gar nicht gut“, sagt Generalmajor Erhard Bühler, der oberste Chef der Gebirgsjäger, zu einem der Soldaten und zeigt auf einen Verschlag. Dort sitzen neben einer Blechtonne mit brennenden Holzscheiten vier in Leintücher gehüllte Gestalten. Einer von ihnen hält sich die Hand, deren Innenfläche stark blutet. Ein anderer hat eine offene Schusswunde am Arm und stöhnt von Zeit zu Zeit leise. Ein dritter blutet im Gesicht und versuchte, die Blutung mit einem Stofffetzen zu stillen. „Die verletzten Afghanen haben ihre Wunden gezeigt und wurden einfach weggeschickt.“ Der Generalmajor ordnet eine Wiederholung an.
„Als Soldat muss man in gewisser Weise eine gespaltene Persönlichkeit haben“, sagt Christian. Mit der privaten könne man wählen und über die Politik denken, was man wolle. Mit der anderen müsse man Befehle befolgen und dürfe sich die Frage nach dem Sinn des Einsatzes nicht stellen. „Ich versuche aber natürlich, beide Persönlichkeiten in Einklang zu bringen“, sagt er und lacht kurz auf. Bisher sind ihm nie Zweifel am Sinn des Einsatzes gekommen, zumindest keine, die er zugibt. Dabei bieten ihm die negativen Reaktionen, auf die sein Job bei anderen stößt, dazu immer wieder Anlass.
Was keine gute Voraussetzung für das ist, was ihn erwartet. „Stresserlebnisse werden sehr viel schlechter verarbeitet, wenn man sich für sein Tun vor anderen rechtfertigen muss“, sagt Andreas Maercker, Professor für Psychopathologie an der Universität Zürich. Er erforscht die Ursachen von posttraumatischen Belastungsstörungen. Emotionaler Austausch mit Freunden und Verwandten seien in Extremsituationen, wie sie Soldaten im Einsatz erleben, enorm wichtig. „Die Psyche braucht Kraft und Ressourcen, um potentiell traumatische Erlebnisse zu verarbeiten. Wenn das eigene Tun bei anderen auf Zweifel und Ablehnung stößt, schwächt das diese Ressourcen und erhöht das Risiko posttraumatischer Belastungsstörungen stark.“
Auch die gesellschaftliche Anerkennung, die Christian so oft vermisst hat, ist entscheidend für die Gesundheit der Soldaten. Maercker verweist auf amerikanische Studien, die gezeigt haben, dass aus dem zweiten Weltkrieg viel weniger Soldaten mit psychischen Problemen heimgekehrt sind als aus dem Vietnamkrieg. Was daran liege, dass sie damals öffentlich als Helden gefeiert worden sind, während ihre Leistungen nach dem Vietnamkrieg kaum gewürdigt wurden. „In einen Krieg zu ziehen, den die Hälfte der Bevölkerung ablehnt, ist enorm schwierig“, sagt Maercker.
Patrick und Christian haben die Hoffnung nicht aufgegeben, wenigstens diesen Kampf zu gewinnen. „Ich denke, dass die Bevölkerung eine so schlechte Meinung von der Bundeswehr und den Einsätzen hat, weil sie viel zu wenig weiß“, sagt Patrick. Er findet, in den Medien müsse viel mehr über die Bundeswehr berichtet werden. Für manche Reaktionen der Bevölkerung hat er sogar Verständnis. „Als Zivilist wäre ich mir nach dem Bombardement in Kundus auch verarscht vorgekommen, als erst von vereinzelten Opfern die Rede war und irgendwann von 150 Toten“, sagt er. Die Öffentlichkeit müsse aufgeklärt werden über das, was sie da unten leisteten, dann „sind wir als Staatsdiener vielleicht auch wieder angesehener.“
Die Wolken haben sich verzogen, die Abendsonne scheint auf das Dorf. Die Statisten wischen sich das Theaterblut aus dem Gesicht. Patrick geht zurück zu dem Panzer, in dem seine Kameraden sitzen – die gleichen, mit denen er bald in Afghanistan sein wird. Er sagt: „Natürlich weiß ich nicht, was auf mich zukommt. Aber so, wie ich mich die letzten zwanzig Jahre kennen gelernt habe, denke ich schon, dass ich das schaffe.“ Wenn er aus dem Einsatz zurückkommen wird, will er auswandern. Nach Australien vielleicht.



