Heimat Hinterhof
Heimat Hinterhof
Text: Nicola Meier | Fotos: Milos Djuric
Mitten in Berlin haben sich Flüchtlinge aus aller Welt in einem Hinterhof Werkstätten eingerichtet. In alten
Garagen reparieren sie Autos. „Der Platz“ ist für sie zu einem Stück Heimat geworden
Es gibt keine Adresse, keine Hausnummer. Nur wer eine Wegbeschreibung hat und weiß, in welcher Straße er vor welchem Geschäft abbiegen muss, findet den Hinterhof mitten in Berlin, der von seinen Bewohnern nur „der Platz“ genannt wird. Links und rechts reihen sich je zehn Hütten aneinander, notdürftig aus Holz und Wellblech zusammen gezimmert, die Dächer schief und mit Planen wetterfest gemacht. Zwischen den Regenpfützen trotzt ein offenes Feuer in einer Tonne dem nasskalten Wetter.
Vor den Hütten stehen zwei Dutzend Autos, die ihre besten Jahre hinter sich haben. Die Türen sind zerbeult, die Stoßstangen eingedellt, der Lack zerkratzt. Wenn die Wagen vom Platz gefahren werden, sind die Mängel behoben. Denn in den Hütten verbergen sich Werkstätten, voll gestopft bis unters Dach mit Werkzeug und Auto-Ersatzteilen. Männer beugen sich über offene Motorhauben, liegen unter aufgebockten Hinterachsen, schleifen Kotflügel. Die meisten kommen aus dem ehemaligen Jugoslawien, andere aus Albanien und Bulgarien, der Türkei und Afrika. Hinter jedem Garagentor steckt eine Geschichte. Sie handeln von Krieg und Flucht, aber auch von Ankunft und Freundschaft.
Damir, 33 Jahre alt, hat ein rundes, fröhliches Gesicht mit Stupsnase und Dreitagebart. Er steht in einem ölverschmierten, rotgrauen Overall und mit dicker Wollmütze in der Garage seines Freundes Saša und streicht mit der Hand über den zerkratzten Kotflügel eines grauen 3er BMW. Gibt dem Freund ein paar Tipps, greift schließlich selbst zum Spachtel. Saša zündet sich eine Marlboro an und geht auf die andere Seite des Wagens, wo er selber gespachtelt hat. „Das ist der Amateur“, sagt er und zeigt dann auf Damirs Arbeit. „Und das ist der Profi.“
Saša ist Serbe, Damir ist Bosnier. Saša orthodoxer Christ, Damir Muslim. In ihrer Heimat wäre das Grund genug, sich zu hassen. Hier arbeiten sie Seite an Seite, sind Freunde. „Die Herkunft spielt bei uns keine Rolle“, sagt Damir. Manchmal sitzen sie zusammen und sprechen über ihre alte Heimat Jugoslawien. „Der Krieg war so überflüssig“, sagt Damir. „Ich bin froh, dass immer mehr Leute das einsehen.“
Woher jemand kommt, wie viel er besitzt, ist auf dem Platz egal. Die meisten fangen hier ganz von vorne an: Start-up für Flüchtlinge aus der ganzen Welt. Manch einer hat mit dem Leben in Deutschland zu kämpfen, erzählt in holprigem Deutsch von den Problemen in der neuen Heimat. So wie Koffi, den Damir in seiner Garage besucht. Koffi ist 33 Jahre alt, ein kleiner, drahtiger Mann, der bei lauter Hip-Hop-Musik die Tür eines dunkelblauen Mercedes schleift. Vor sieben Jahren ist er aus Kamerun hergekommen. Er träumte von einem Leben als Mechaniker und einer besseren Zukunft. Die Wirklichkeit sah anders aus.
Koffi fand keine Arbeit, und niemand in Afrika hatte ihm gesagt, wie teuer das Leben in Deutschland ist. „Manchmal wollte ich einfach meinen Koffer packen und wieder zurück nach Kamerun“, sagt er. Nur in seiner Garage kann er abschalten, hier vergisst er sein Heimweh. Auf dem Platz hat er Menschen wie Damir getroffen, die ihm zuhören und Mut machen. „Du darfst nicht aufgeben“, sagt er zu Koffi. „Du musst kämpfen, das ist ganz wichtig.“
Damir zieht die rostige Tür von Koffis Garage hinter sich zu und läuft quer über den Platz zu seiner eigenen Werkstatt. „Auf der Straße da draußen, da kennst du niemanden“, sagt er. „Aber hier brauche ich jedes Mal eine halbe Stunde, um allen Hallo zu sagen.“
Er weiß, wie es ist, in einem fremden Land bei Null anzufangen. Er kommt aus Zvornik, einer Kleinstadt in Bosnien. An den Krieg in Jugoslawien denkt er nicht gern zurück. „Es waren die eigenen Nachbarn, die sich die Köpfe eingeschlagen haben“, erzählt er. „Wir haben doch alle gut zusammengelebt, wir hatten nie ein Problem miteinander, und jetzt ist das ganze Land kaputt.“
Es war im Juli 1992, als der Krieg nach Zvornik kam, als die Serben begannen, die bosnischen Muslime brutal aus dem Land zu vertreiben. Damirs Stirn legt sich in Falten. „Als sie kamen, sind wir nur noch gerannt.“ Zusammen mit seiner Familie schaffte er es auf einen Flüchtlings-Lkw. „Wir wollten nur raus aus Bosnien, rüber nach Kroatien.“ An der Grenze durfte sein Vater nicht ausreisen. „Er musste zurück und kämpfen.“ Damir, seine Schwester und seine Mutter kamen in ein Flüchtlingslager bei Zagreb, einige Wochen später landeten sie in Deutschland.
Zwei Jahre gab es kein Lebenszeichen vom Vater, dann endlich kam die Nachricht, dass er lebte. Als der Krieg in Jugoslawien zu Ende war, kehrte Damirs Familie nach Bosnien zurück. Er selbst blieb in Berlin, heiratete und machte eine Ausbildung zum Lackierer. Er fand aber keine Arbeit in seinem Beruf. Heute verdient er sein Geld auf dem Bau. Doch seine Leidenschaft gehört den Autos.
Vor sieben Jahren erfuhr Damir über einen Bekannten von dem Hinterhof. Seitdem steht er in jeder freien Minute in seiner Werkstatt und lackiert. „Das ist mein zweites Wohnzimmer“, sagt er. Die Garage ist knapp dreißig Quadratmeter groß, trotz der klirrenden Kälte steht das Tor weit offen. Alle fünf Minuten kommt jemand herein. Händeschütteln, auf die Schulter klopfen, ein kurzer Plausch. „Keno, warst du noch mal beim Arzt?“ Garagennachbar Keno streckt seine verbundene Hand in die Höhe. „Ja, in ein paar Tagen ist alles wieder okay.“ „Damir, hast du heute noch Zeit?“ Ein Kunde ist mit seinem VW Golf vorgefahren. „Am Kotflügel muss noch mal lackiert werden.“ „Heute ist es schlecht, rufst du mich nächste Woche an?“
Es ist wie in einem gut funktionierenden Unternehmen: Jeder der Männer hat ein Spezialgebiet. Der eine beult Dellen aus, der andere lackiert, es gibt Experten für Bremsen und für Motoren. Erst brachten nur Freunde ihre Autos. Mittlerweile haben sich die niedrigen Preise herumgesprochen und auch Bekannte von Bekannten rollen mit ihren klapprigen Wagen auf den Platz. Das Gelände gehört einem Deutschen, der die Garagen günstig vermietet. Den Männern ist es recht, dass er sich nur selten blicken lässt.
Damir und seine Frau haben sich inzwischen getrennt. Manchmal denkt er darüber nach, wieder zurück nach Bosnien zu gehen. „Das Leben in Deutschland wird immer schwerer. Früher dachte ich, dass ich auf jeden Fall hier bleibe. Aber ich weiß es nicht mehr so genau.“ Vor ein paar Wochen war er in Bosnien bei seiner Familie. „Die Menschen dort sind arm, aber sie halten zusammen“, sagt er. So wie auf diesem Platz.
Oft bleibt er bis zum späten Abend. Vor allem im Sommer, wenn der Hinterhof nach Sonnenuntergang zum Festplatz wird. Dann sitzen sie bis tief in die Nacht zusammen und feiern. Wenn auf dem Spieß über den Kohlen ein Spanferkel schmort und der Geruch von gegrilltem Fleisch durch die Garagen zieht, wenn das Akkordeon erklingt und eine Flasche Schnaps die Runde macht, dann fühlen sich alle mitten in Berlin wenigstens für ein paar Stunden zu Hause.
Vor den Hütten stehen zwei Dutzend Autos, die ihre besten Jahre hinter sich haben. Die Türen sind zerbeult, die Stoßstangen eingedellt, der Lack zerkratzt. Wenn die Wagen vom Platz gefahren werden, sind die Mängel behoben. Denn in den Hütten verbergen sich Werkstätten, voll gestopft bis unters Dach mit Werkzeug und Auto-Ersatzteilen. Männer beugen sich über offene Motorhauben, liegen unter aufgebockten Hinterachsen, schleifen Kotflügel. Die meisten kommen aus dem ehemaligen Jugoslawien, andere aus Albanien und Bulgarien, der Türkei und Afrika. Hinter jedem Garagentor steckt eine Geschichte. Sie handeln von Krieg und Flucht, aber auch von Ankunft und Freundschaft.
Damir, 33 Jahre alt, hat ein rundes, fröhliches Gesicht mit Stupsnase und Dreitagebart. Er steht in einem ölverschmierten, rotgrauen Overall und mit dicker Wollmütze in der Garage seines Freundes Saša und streicht mit der Hand über den zerkratzten Kotflügel eines grauen 3er BMW. Gibt dem Freund ein paar Tipps, greift schließlich selbst zum Spachtel. Saša zündet sich eine Marlboro an und geht auf die andere Seite des Wagens, wo er selber gespachtelt hat. „Das ist der Amateur“, sagt er und zeigt dann auf Damirs Arbeit. „Und das ist der Profi.“
Saša ist Serbe, Damir ist Bosnier. Saša orthodoxer Christ, Damir Muslim. In ihrer Heimat wäre das Grund genug, sich zu hassen. Hier arbeiten sie Seite an Seite, sind Freunde. „Die Herkunft spielt bei uns keine Rolle“, sagt Damir. Manchmal sitzen sie zusammen und sprechen über ihre alte Heimat Jugoslawien. „Der Krieg war so überflüssig“, sagt Damir. „Ich bin froh, dass immer mehr Leute das einsehen.“
Woher jemand kommt, wie viel er besitzt, ist auf dem Platz egal. Die meisten fangen hier ganz von vorne an: Start-up für Flüchtlinge aus der ganzen Welt. Manch einer hat mit dem Leben in Deutschland zu kämpfen, erzählt in holprigem Deutsch von den Problemen in der neuen Heimat. So wie Koffi, den Damir in seiner Garage besucht. Koffi ist 33 Jahre alt, ein kleiner, drahtiger Mann, der bei lauter Hip-Hop-Musik die Tür eines dunkelblauen Mercedes schleift. Vor sieben Jahren ist er aus Kamerun hergekommen. Er träumte von einem Leben als Mechaniker und einer besseren Zukunft. Die Wirklichkeit sah anders aus.
Koffi fand keine Arbeit, und niemand in Afrika hatte ihm gesagt, wie teuer das Leben in Deutschland ist. „Manchmal wollte ich einfach meinen Koffer packen und wieder zurück nach Kamerun“, sagt er. Nur in seiner Garage kann er abschalten, hier vergisst er sein Heimweh. Auf dem Platz hat er Menschen wie Damir getroffen, die ihm zuhören und Mut machen. „Du darfst nicht aufgeben“, sagt er zu Koffi. „Du musst kämpfen, das ist ganz wichtig.“
Damir zieht die rostige Tür von Koffis Garage hinter sich zu und läuft quer über den Platz zu seiner eigenen Werkstatt. „Auf der Straße da draußen, da kennst du niemanden“, sagt er. „Aber hier brauche ich jedes Mal eine halbe Stunde, um allen Hallo zu sagen.“
Er weiß, wie es ist, in einem fremden Land bei Null anzufangen. Er kommt aus Zvornik, einer Kleinstadt in Bosnien. An den Krieg in Jugoslawien denkt er nicht gern zurück. „Es waren die eigenen Nachbarn, die sich die Köpfe eingeschlagen haben“, erzählt er. „Wir haben doch alle gut zusammengelebt, wir hatten nie ein Problem miteinander, und jetzt ist das ganze Land kaputt.“
Es war im Juli 1992, als der Krieg nach Zvornik kam, als die Serben begannen, die bosnischen Muslime brutal aus dem Land zu vertreiben. Damirs Stirn legt sich in Falten. „Als sie kamen, sind wir nur noch gerannt.“ Zusammen mit seiner Familie schaffte er es auf einen Flüchtlings-Lkw. „Wir wollten nur raus aus Bosnien, rüber nach Kroatien.“ An der Grenze durfte sein Vater nicht ausreisen. „Er musste zurück und kämpfen.“ Damir, seine Schwester und seine Mutter kamen in ein Flüchtlingslager bei Zagreb, einige Wochen später landeten sie in Deutschland.
Zwei Jahre gab es kein Lebenszeichen vom Vater, dann endlich kam die Nachricht, dass er lebte. Als der Krieg in Jugoslawien zu Ende war, kehrte Damirs Familie nach Bosnien zurück. Er selbst blieb in Berlin, heiratete und machte eine Ausbildung zum Lackierer. Er fand aber keine Arbeit in seinem Beruf. Heute verdient er sein Geld auf dem Bau. Doch seine Leidenschaft gehört den Autos.
Vor sieben Jahren erfuhr Damir über einen Bekannten von dem Hinterhof. Seitdem steht er in jeder freien Minute in seiner Werkstatt und lackiert. „Das ist mein zweites Wohnzimmer“, sagt er. Die Garage ist knapp dreißig Quadratmeter groß, trotz der klirrenden Kälte steht das Tor weit offen. Alle fünf Minuten kommt jemand herein. Händeschütteln, auf die Schulter klopfen, ein kurzer Plausch. „Keno, warst du noch mal beim Arzt?“ Garagennachbar Keno streckt seine verbundene Hand in die Höhe. „Ja, in ein paar Tagen ist alles wieder okay.“ „Damir, hast du heute noch Zeit?“ Ein Kunde ist mit seinem VW Golf vorgefahren. „Am Kotflügel muss noch mal lackiert werden.“ „Heute ist es schlecht, rufst du mich nächste Woche an?“
Es ist wie in einem gut funktionierenden Unternehmen: Jeder der Männer hat ein Spezialgebiet. Der eine beult Dellen aus, der andere lackiert, es gibt Experten für Bremsen und für Motoren. Erst brachten nur Freunde ihre Autos. Mittlerweile haben sich die niedrigen Preise herumgesprochen und auch Bekannte von Bekannten rollen mit ihren klapprigen Wagen auf den Platz. Das Gelände gehört einem Deutschen, der die Garagen günstig vermietet. Den Männern ist es recht, dass er sich nur selten blicken lässt.
Damir und seine Frau haben sich inzwischen getrennt. Manchmal denkt er darüber nach, wieder zurück nach Bosnien zu gehen. „Das Leben in Deutschland wird immer schwerer. Früher dachte ich, dass ich auf jeden Fall hier bleibe. Aber ich weiß es nicht mehr so genau.“ Vor ein paar Wochen war er in Bosnien bei seiner Familie. „Die Menschen dort sind arm, aber sie halten zusammen“, sagt er. So wie auf diesem Platz.
Oft bleibt er bis zum späten Abend. Vor allem im Sommer, wenn der Hinterhof nach Sonnenuntergang zum Festplatz wird. Dann sitzen sie bis tief in die Nacht zusammen und feiern. Wenn auf dem Spieß über den Kohlen ein Spanferkel schmort und der Geruch von gegrilltem Fleisch durch die Garagen zieht, wenn das Akkordeon erklingt und eine Flasche Schnaps die Runde macht, dann fühlen sich alle mitten in Berlin wenigstens für ein paar Stunden zu Hause.



