Die Grenzen des Fotojournalimus

Familienmitglieder, Verwandte, Freunde und Nachbarn betrauern in Shopian, einer kleinen Stadt im Süden von Kashmir, den Tod zweier junger kashmirischer Mädchen, die von indischen paramilitärischen Einheiten erst vergewaltigt und später ermordet worden sind.

Mit diesem Bild habe ich beim diesjährigen Picture of the Year International Fotowettbewerb den dritten Platz in der Kategorie Einzelbilder – Feature gewonnen. Der Bewertungsprozess lief nicht ganz gewöhnlich ab, wie man hier im blog von Scott Strazzante, einem Jurymitglied, lesen kann. Es gab heftige Diskussionen in der Jury, ob dieses Bild überhaupt prämiert werden darf. Die Mitglieder diskutierten, wie das Bild entstanden ist und ob die Art der Aufnahme die ethischen Grenzen des Fotojournalismus überschreitet. Damit hätte ich nie gerechnet.

Ich war überrascht, als ich eine Mail von der Jury bekam, mit der Bitte, eine Beschreibung der Aufnahmetechnik zu schicken. Das Bild habe ich mit einer Langzeitbelichtung von zwei Sekunden bei Blende 22 aus der Hand fotografiert, dabei jeweils eine Sekunde lang die eine Hälfte des Raumes aufgenommen und, nach einem Schwenk der Kamera, die andere. Die Bildhälften überlappen sich so und es entsteht eine Art Doppelbelichtung. Genau daran nahmen verschiedene Jurymitglieder Anstoß. Es sei kein journalistisches Foto, weil das entstandene Bild den Betrachter in die Irre führen könnte. Die Überlagerung der beiden Bildhälften würde in der Realität so nie passieren, womit das Bild eigentlich seinen journalistischen Charakter einbüßt. Sie entschieden sich letztendlich aber, das Bild auf dem dritten Platz zu lassen.

Seitdem denke ich oft darüber nach, was meine „Grenzen des Fotojournalismus” sind. Ich stelle mir Fragen: Inwieweit verändert digitale Technik Fotografie? Wie viel Einfluss hat digitale Technik auf meine eigene Bildsprache? Na klar bearbeite ich meine Bilder mit Programmen wie Photoshop (so auch das oben gezeigte Foto). So kann ich die Aussage meiner Bilder stärken. Ist diese Art der Fotografie unmoralisch oder gar ein Verstoß gegen die “Regeln des Fotojournalimus”? Ich finde: Nein. Klassische Fotografie ist im Wandel. Veränderung ist doch spannend! Wir sollten sie Willkommen heißen und junge Fotografen dazu auffordern, neue Stile auszuprobieren. Fotografie braucht visuelle Vielfalt – mit digitaler Technik können wir sie erschaffen.

Für mich selbst sind die Grenzen des Fotojournalismus klar: Ich will die Realität so abbilden, wie ich sie empfinde. Das ist meine Aufgabe als Journalist.

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Kommentare
3 Antworten für “Die Grenzen des Fotojournalimus”
  1. Das ist ein sehr beeindruckendes und beruehrendes Bild – optisch und inhaltlich.
    Und ich finde es unglaublich spannend, dass dieses Bild – aufgrund der (noch?) ungewoehnlichen Aufnahmetechnik, die die Grenzen zwischen Statik und Bewegung verwischt, so eine grundsaetzliche Diskussion hervorruft, uber das, was erlaubt und das was nicht gestattet ist. Zumindest im Rahmen dieser Jury.
    Regt auch mich zum Nachdenken an.
    Danke, Andy!

  2. Samuel says:

    Gratuliere zum 3. Platz.. Sehr gelungenes Foto. Da springt einem Wut, Trauer und Ohnmacht ins Gesicht.
    Zu deiner Frage, ob es seinen journalistischen Wert einbüßt durch Nachbearbeitung bzw. Aufnahme mit einem Effekt, kann ich nur sagen, dass es wohl eher davon abhängt wie konservativ die Jury ist und wie sie die Entwicklung der Fototechnik betrachten im Fotojournalismus.
    Da du anscheinend einer der Ersten bist, der es riskiert Fotos mit neuer Aufnahmetechnik in den Wettbewerb einzureichen, wird es natürlich breit diskutiert bis zum Umfallen. Mich wundert es viel mehr, dass es niemand vorher versucht hat. Oder du bist der Erste, dem die Jury nicht verweigert mit solchen “neuartigen” Fotos teilzunehmen und es auch in ihrer Art und Weise würdigen. Egal wie du hast wohl damit ne kleine Revolution gestartet ;D

  3. Emily says:

    Das ist ein sehr beeindruckendes und beruehrendes Bild – optisch und inhaltlich.
    Und ich finde es unglaublich spannend, dass dieses Bild – aufgrund der (noch?) ungewoehnlichen Aufnahmetechnik, die die Grenzen zwischen Statik und Bewegung verwischt, so eine grundsaetzliche Diskussion hervorruft, uber das, was erlaubt und das was nicht gestattet ist. Zumindest im Rahmen dieser Jury.
    Regt auch mich zum Nachdenken an.
    Danke, Andy!

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