Alles, was ich nicht sah


Paula und ich sind jetzt seit mehr als einem Monat zurück aus Iran. In dieser Zeit habe ich oft genug die Frage gehört "Und? Wie war’s?", um darauf eine Antwort zu finden, mit der ich zufrieden genug bin, um sie aufzuschreiben. Man braucht eine gewisse Zeit und einen gewissen Abstand, um solche Erlebnisse fassen zu können.
30 Tage und 3500 Kilometer sollten genügen.

Wie es denn nun war? Mit einem Wort: verwirrend. Nicht, weil man die Sprache nicht versteht, die meisten Iraner können ein paar Worte Englisch. Nicht, weil man auf der Straße strenge Regeln befolgen muss, daran gewöhnt man sich. Dass beispielsweise alle Frauen Kopftücher tragen müssen und man ihnen nicht die Hand geben darf.

Sondern weil das, was man sieht, und das was einem die Leute erzählen, überhaupt nicht zusammenpassen will. Alles wirkt völlig normal, aber der Angstschweiß sitzt den Menschen im Nacken. Es ist die Angst vor etwas Unsichtbarem, einer Anspannung, die in der Luft liegt und sich nur schwer in Worte fassen lässt. Und auch, wenn die Bedrohung nicht greifbar ist, so ist doch die Quelle der Angst allgegenwärtig. Sie bewaffnet sich nicht mit AKs oder Sprengstoffgürteln, sie versteckt sich nicht im Untergrund – stattdessen trägt sie Turbane oder Anzüge und ist jeden Tag im Fernsehen zu sehen.

Auf der Straße merkt man nichts von der Repression, ich habe höchstens eine Handvoll Soldaten gesehen und vielleicht doppelt so viele Polizisten. Dafür sieht man neben den Autobahnen etwa alle 50 Kilometer eine Kaserne stehen. Warum sie dort stehen, darüber wird spekuliert, keiner konnte es mir genau sagen. Das Problem geht aber nicht nur vom Staat aus, viele Iraner machen die religiöse Instanz darüber verantwortlich: die Mullahs. Jeder, mit dem ich länger als 10 Minuten gesprochen habe, hat mich vor ihnen gewarnt. Lass dich nicht ansprechen, sprich sie nicht an, fotografiere sie nicht, geht ihnen aus dem Weg! Warum? Die machen nur Ärger! Warum? Als Antwort erntet man einen ernsten Blick und das Thema wird gewechselt. Wie mir ein Freund dort sagte "kein Iraner lacht mehr aus vollem Herzen", dann legte er mir seinen Arm um die Schulter, schaute erst besorgt, dann nachdenklich und fing dann an laut zu lachen. Was soll man da glauben? Was man sieht oder was man hört?

Die Menschen, die ich in Iran kennen lernen durfte, hatten mindestens zwei Dinge gemein: Sie hatten Angst und sie waren wütend. Meistens hält die Angst die Wut im Zaum, aber einmal habe ich erlebt, was passiert wenn sich das ändert.

Shiraz, 2 Uhr morgens, die Straßen wie leergefegt, drei betrunkene Männer ziehen in einem Peugeot Schlangenlinien auf der Hauptstraße, die Musik voll aufgedreht, die Fenster runtergekurbelt, die Stirn in Schweiß und die Augen gläsern. Sie schreien aus vollem Hals nur ein Wort "KOZ!!" (auf Deutsch: Fotze). Und jedes Mal brechen sie danach in lautes Lachen aus, wenn sich wieder einer getraut hat. Sie versuchen sich dann gegenseitig zu beruhigen bis wieder einer schreit und das Ganze von vorn losgeht. Ich saß auf den Beifahrersitz und dachte an die Flasche Whiskey, die jetzt leer im Hotelzimmer lag. Was, wenn uns jemand hört? Was, wenn der Fahrer die Kontrolle verliert und in einen Baum rast? Was, wenn ein Streifenwagen vorbeifährt? Aber Jack Daniels antwortete nur "Na, was soll schon sein? Hab dich nicht so!" Im Stillen stimmte ich zu und schrie dann weiter.

Was in dieser Nacht passiert ist, hat absolut nichts mit der viel kritisierten Herabwertung von Frauen zu tun. Es ging nicht um das Wort, das war völlig austauschbar, es ging allein um das Gewicht, welches es hat. Es ist verboten, nicht einfach unanständig, sondern steht unter Strafe. Am nächsten Morgen wurde mir erklärt, dass, wenn uns jemand gehört hätte, der auch nur halbwegs etwas zu sagen hat, unsere Familien sich hätten ernsthafte Sorgen um unseren Verbleib machen müssen.
Da war Jack Daniels plötzlich ganz still.

Für die beiden Männer neben mir im Wagen war es eine Befreiung, mit jedem Schrei fühlten sie sich leichter, mit jedem Lachen stärker. Der Alkohol hat die Angst weggespült und den Mut gebracht sich gegen das System aufzulehnen, so klein und unbedeutend es auch gewesen sein mag. Aber eine Grenze wurde verschoben, die nächstes Mal noch leichter zu bewegen sein wird. Die Angst bröckelt, die Wut dahinter wartet.

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Kommentare
2 Antworten für “Alles, was ich nicht sah”
  1. Felix says:

    Das klingt spannend, Milos. Freu mich drauf, mehr zu hören. Hoffe dazu besteht im September in Hannover die Möglichkeit.

    Grüße aus Johannesburg,

    Felix

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